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Weiter Weg zur Renaturierung des Donaudeltas

Urs Fitze

Das Donaudelta ist das grösste Feuchtgebiet Europas und geniesst als Biosphärenreservat heute trotz Wilderei und illegalem Tourismus einen relativ guten Schutz. Doch bis zur vollständigen Renaturierung ist der Weg noch weit.

Ein stattliches Hotel mit eigenem Hafen mitten in der wilden Natur des Donaudeltas, zu erreichen nur mit dem Boot: Traumhaft. Doch die Sache hat einen Haken. „Das ist alles illegal aufgebaut worden. Vor ein paar Jahren stand hier nur eine Fischerhütte“, erklärt Botond J. Kiss. Was für ihn noch weit schlimmer ist: “Die Einheimischen haben gar nichts davon”. Der Ornithologe war bis vor kurzem Chef der 50 Ranger, die im Auftrag der Parkverwaltung für die Ueberwachung der Schutzbestimmungen im Delta zuständig sind. Heute ist er als Wissenschaftler am renommierten Donaudelta-Institut in Tulcea tätig. Die Industriestadt markiert das Tor zum Delta und ist Ausgangspunkt für alle Fahrten ins grösste Feuchtgebiet Europas. Das Donaudelta ist seit 1991 ein von der Unesco anerkanntes Biosphärenreservat. 5800 Quadratkilometer umfasst das Gebiet. Grosse Teile sind nur mit dem Boot zugänglich. Ueberwachen lässt sich diese riesige Wildnis, das grösste zusammenhängende Feuchtgebiet Europas, kaum. Kis ballt die Faust im Sack, wenn das Schiff an Anglern vorbeifährt, die verbotenerweise gleich mehrere Ruten im Einsatz haben. “Wir müssen auf die Einsicht der Menschen setzen und sie aufklären über den natürlichen Schatz, den das Donaudelta darstellt”. Angeln und Jagen sind im Deltagebiet mit Ausnahme der Kernzonen unter Auflagen erlaubt – und durchaus erwünscht. Petrijünger und Weidmänner, die aus ganz Europa ins Delta pilgern, bringen auch dringend benötigte Devisen ins Land. Doch Wilderei ist sowohl unter Touristen als auch der lokalen Bevölkerung verbreitet. Mit dem begehrtesten Fisch im Donaudelta, dem Stör, lässt sich ein Vermögen verdienen. Der grösste Fang, ein Beluga-Weibchen mit bis zu 70 Kilo Kaviar im Bauch, bringt dem Fischer den Gegenwert eines rumänischen Einfamilienhauses. Ueberfischung und Veränderungen im Wasserhaushalt des Deltas machen dem Stör schwer zu schaffen. Aus dem Delta ist er schon fast verschwunden.

Raser im Delta

Auch die durch Wellenschlag hervorgerufene Ufererosion ist Botond Kis ein Dorn im Auge. “Manche Bootsfahrer verwechseln das Donaudelta mit einer Rennstrecke”. Die Auswirkungen solcher Raserei lassen sich auch von Bord des Schiffes ausmachen, mit dem Kis und seine Begleiter unterwegs sind. Es ist das Versorgungsboot des Donaudelta-Institutes – der einzige Draht zur Aussenwelt für die im Delta tätigen Wissenschaftler. Der Kapitän drückt mächtig aufs Gas. Die Reise führt über 50 km tief ins Innere des Donaudeltas zum Isacsee, wo eine Forschergruppe für einige Wochen Station gemacht hat. Nur mit Höchsttempo kann der Schiffsführer garantieren, noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück in der Basis in Tulcea zu sein. Halbmeterhohe Wellen schlagen ans Ufer. Klumpenweise löst sich dort die Erde ab. Aufgeschreckte Wasservögel jagen übers Wasser und bringen sich in Sicherheit. Lokale Fischer, die sich in kleinen Camps unter primitivsten Bedingungen eingerichtet haben, scheinen Lärm und Wellenschlag nicht zu stören: Sie winken freundlich. Der enge Kanal öffnet sich zu einem See. Da passiert es: Das Schiff bleibt im Schlick stecken. Der Kapitän kann noch so aufs Gas drücken. Der Kahn dreht sich nur im Kreis und driftet dabei auch noch immer näher in Richtung Ufer. Schliesslich sieht auch der Mann am Steuer ein, dass er die Lage mit sinnlosem Gasgeben nur noch schlimmer macht. Immerhin hat er zwei lange Holzstäbe dabei, mit denen es schliesslich gelingt, das Schiff freizubekommen.

Grosser Forschungsbedarf

Die Reise geht weiter. Nochmals verengt sich das Wasser zu einem schmalen Kanal. Dann öffnet sich ein weiterer See. Es ist der “Lacul Isac”. Hier ist das Hausboot vertäut, das während einiger Wochen für die Wissenschaftler Wohn- und Arbeitsplatz zugleich ist. Normalerweise bringt es Touristen ins Delta. An Bord empfängt Mircea Staras, wissenschaftlicher Direktor des Donaudelta-Institutes. Der Mann von der Statur eines Seebären ist im Delta aufgewachsen und kennt es wie kaum ein anderer. Der Forschungsbedarf sei dennoch riesig. “Wir wissen nur sehr wenig über die Hydrologie und die komplexe Wechselwirkung zwischen Wasser und Land im Delta. Doch ohne dieses Wissen sind wir kaum in der Lage, das Donaudelta langfristig zu schützen und zu erhalten”. In den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur interessierten die Naturschönheiten des Donaudeltas die Mächtigen nicht. In Rumänien wurde wiederholt, was am Donauoberlauf in den entwickelteren Staaten längst verbrochen worden war: Der zweitmächtigste Strom Europas wurde an vielen Stellen in ein Betonbett gezwängt, Kraftwerke wurden errichtet und ehemalige Ueberflutungsgebiete trockengelegt. Bei der Industriestadt Braila, rund 100 Kilometer westlich von Tulcea, entstand durch den Bau eines Dammes 1964 inmitten der Donau eine 40 Kilometer lange, 640 km2 grosse Insel, die seither landwirtschaftlich genutzt wird. Die Donau verlor damit ein riesiges Ueberflutungsgebiet, das bei den Hochwasser im Frühjahr grosse Bedeutung als Wasserstauraum hatte. Der Strom führt enorme Mengen Wasser ins Schwarze Meer. Durchschnittlich sind es 6’500 Kubikmeter pro Sekunde – bei Hochwasser kann es auch das Vierfache sein. Die Donau bringt wegen der höheren Strömungsgeschwindigkeit heute auch wesentlich mehr Sedimente ins Delta ein. Und Schadstoffe: Die Fracht schädlicher Substanzen erhöhte sich seit den 50er Jahren kontinuierlich und erreichte in den 90ern ihren Höhepunkt. Seither ist sie rückläufig. Das ist eine Folge des weitgehenden Zusammenbruchs der rumänischen Schwerindustrie nach der politischen Wende 1990. Die regelmässigen Messungen der Universität Bukarest jedenfalls zeigen, dass die in Rumänien geltenden strengen Grenzwerte – sie sind bei einigen Schadstoffen schärfer geregelt als in der Schweiz – nur noch ganz selten überschritten werden. Das ist aber noch kein Grund zur Entwarnung: Denn die Schadstoffe reichern sich in den Sedimenten an und gelangen so in die Nahrungskette.

Industrialisierung im Delta

Für die 15’000 Einwohner des Donaudeltas sind traditionell Fischfang und die Schilfgewinnung die wichtigsten Erwerbszweige. Mit dem Sieg der Kommunisten setzte die gnadenlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ein. Ein ganzer Industriezweig wurde in Tulcea aufgebaut für die Schilfverarbeitung. Auch wurden riesige Fischfarmen angelegt. Doch die Pläne gingen noch weiter. Das Donaudelta selber sollte nach den Plänen des 1990 gestürzten und hingerichteten Diktators Nicolae Ceaucescu weitgehend trockengelegt und in die Gemüsekammer Rumäniens verwandelt werden. Der Plan war aberwitzig, ein ökologischer Wahnsinn, der aber auch ökonomisch keinen Sinn machte. Etwa 50% des Donaudeltas stehen bei höherem Wasserstand zumindest zeitweilig unter Wasser. 45% sind ständig überflutet und nur 5% der Fläche sind richtiges, vom Hochwasser unberührtes Festland. Nur mit enormem Energieaufwand – fünf Prozent des rumänischen Erdölverbrauchs – lassen sich die Böden bewässern. Vom Himmel selbst kommt praktisch kein Wasser. Das extrem niederschlagsarme Donaudelta wäre ohne die gigantischen Wassermassen des Stromes eine Wüstenlandschaft. Und wenn es an einem in Rumänien nicht mangelt, dann sind es Ackerflächen. Trockengelegt wurden in der Ceaucesa-Aera 20 Prozent der gesamten Deltafläche. Sie werden heute nur noch an einigen Stellen bewirtschaftet und sind zu einem kleinen Teil schon vor einigen Jahren renaturiert worden. Die Böden sind versalzt, die Verteilerwerke für die Elektrizität verfallen.

Verdoppelung der Wasserwege

Es war nicht nur Ceaucescu, der das Donaudelta für landwirtschatliche Zwecke instrumentalisieren wollte. Schon vor seiner Zeit war damit begonnen worden, in den Wasserhaushalt des Deltas einzugreifen, indem zusätzliche Verbindungswege für Fischer ausgebaggert wurden. Heute sind etwa die Hälfte der 3400 Kilometer Wasserwege im Donaudelta von Menschenhand geschaffen. Diese Kanäle bringen viel mehr Wasser in die Feuchtgebiete im Delta – fünfmal mehr als Anfang des 20. Jahrhunderts. “Wir vermuten, dass das Wasser, das damals in die Sumpfgebiete des Deltas gelangte, dieses nur noch auf dem Luftweg verlassen hat: Es verdunstete”, sagt Mircea Staras. Das Schwarze Meer erreichte demnach nur das Wasser, das durch die drei Donauarme fliesst, in die sich der Strom auffächert. Dieses einzigartige hydrologische Gleichgewicht ist im Donaudelta Geschichte und lässt sich auch nicht mehr wiederherstellen. “Aber trotz aller Eingriffe durch den Menschen ist das Donaudelta im Vergleich mit anderen Deltagebieten auf der Welt noch immer vergleichsweise unberührt”. Das sei zum einen auf die schiere Grösse, zum andern auf die grosse Zahl von über 300 Seen zurückzuführen. “Wir finden im Donaudelta noch immer sämtliche Habitate für Fauna und Flora, die natürlich in solchen Feuchtgebieten vorkommt”.

Vielfältig – und schön

1668 Pflanzen- und 3846 Tierarten sind im Donaudelta nachgewiesen. Darunter sind 325 Vogelarten, von denen 202 als gefährdet gelten und besonders geschützt sind. “Nur ganz wenige Arten sind einmalig im Donaudelta. Doch der ökologische Wert liegt in der Vielfalt”, sagt der holländische Biologe Tom Buijse. Er arbeitet an einigen Forschungsprojekten des Donaudelta-Institutes mit. „Die Tiere und Pflanzen des Deltas finden sich auch anderswo in Europa. Doch nirgends sind sie so konzentriert. Und nirgends gibt es dieses einmalige Licht: Himmel, Ufer und Wasser scheinen zu einem grossen Ganzen zu verschmelzen“, schwärmt Buijse, der den Aufenthalt auf dem zum Forschungsschiff umfunktionierten Hausboot sichtlich geniesst. Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses ist der Wasserhaushalt im Donaudelta. „Wir möchten mehr erfahren über den ökologischen Zustand des Deltas. Erst wenn wir genau wissen, wie die Kreisläufe funktionieren, können wir geeigneten Massnahmen treffen, um es näher an seinen natürlichen Zustand heranzuführen“, umschreibt Mircea Staras das Forschungsziel. Die einheimischen Fischer wissen es schon seit langem: Die Zusammensetzung der Fischpopulation hat sich geändert im Zuge der zunehmenden Eutrophierung des Deltas, die in den 60er Jahren einsetze, das einst berühmte klare Deltawasser trübte und die Fische vertrieb, die nährstoffarme Gewässer bevorzugen. Verschwunden sind diese allerdings nicht. Sie haben sich zurückgezogen in entlegenere Gebiete, die vom Strom kaum mehr berührt werden. Die Wissenschaftler sprechen von „ökologischen Gradienten“, die es erlauben, die ökologische Qualität der einzelnen Gewässer im Donaudelta zu bemessen.

Veränderung im Jahresverlauf

„Wir haben für unsere Studien drei repräsentative Seen ausgesucht, die wir nun mit verschiedenen Methoden untersuchen“. Der Reigen dieses interdisziplinären Ansatzes reicht von der Erfassung des Fischbestandes bis zur Untersuchung der Wasserqualität mit physikalischen und biologischen Mitteln. Dabei kam Erstaunliches zutage: Der Isacsee ist über den Jahresverlauf hinweg keineswegs stabil, sondern verändert sich abhängig vom Wasserzufluss, der ihn erreicht. Dazu genügt schon ein mittleres Hochwasser, während tiefer im Delta gelegene Seen nur noch bei starken Hochwassern durchspült werden. „Das hat drastische Auswirkungen auf das Leben im Wasser“, sagt Mircea Staras. „Die Fische wandern dabei in jene Gewässer, die ihnen die besten Lebensbedingungen bieten. Wenn wir jetzt Ursachen und Wirkungen des hydrologischen Systems im Donaudelta besser verstehen lernen, können wir in einem zweiten Schritt die Grundlagen für die weitere Renaturierung schaffen.“ Dann wird es darum gehen, zu entscheiden, in welche Richtung das Wasser geleitet werden soll. Wo müssen Wasserwege geschlossen, wo welche neu eröffnet werden? Dieser Prozess wird noch Jahre dauern. „Doch wenn wir den Zustand heute mit jenem in den letzten Jahren der Ceaucescu-Aera vergleichen, dann sind wir dem Paradies immerhin ein Stück nähergekommen“.