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Zeitreise ins rumänische Apuseni-Gebirge im Herzen Siebenbürgens

Urs Fitze

Im rumänischen Apuseni-Gebirge scheint die Zeit stehen geblieben. Die Menschen leben wie im 19. Jahrhundert. Experten aus Deutschland haben eine extrem hohe Artenvielfalt festgestellt, die eng mit der menschlichen Lebens- und Wirtschaftsform verbunden ist.

Es giesst in Strömen. Sturzbäche schiessen aus dem karstigen Untergrund der steilen Wiesen. Sie vereinigen sich im Talboden zu einem Fluss, der mitten durch eine Siedlung strömt, um schliesslich in einem Erdloch zu verschwinden. Im Zickzack verlaufen Holzzäune durch das Grasland, auf dem Kühe und Pferde grasen. Das Grün ist irisch, denn Regen ist hier so alltäglich wie auf der Insel im Atlantik. Aus einem der mit Wellblech gedeckten Holzhäuser stapft ein Mann in Gummistiefeln. Auf den Schultern trägt er eine Motorsäge. Er hält locker Schritt mit einer Kutsche, die, von zwei Pferden gezogen, sich ihren Weg auf dem mit grobem Schotter gedeckten Fuhrpfad bahnt. Erst als der Kutscher mit einem Schnalzen die Pferde zu sanftem Trab anhält, bleibt der Mann allmählich zurück. Er ist auf dem Weg in den Wald, zur einzigen Arbeit, die in dieser Gegend Geld einbringt: Holzschlag. Holz ist das einzige, was sich hier verkaufen lässt. Ansonsten leben die Menschen von dem wenigen, das sie besitzen: Zwei, vielleicht drei Kühe, ein paar Schweine, Schafe und Ziegen, dazu ein Garten für das Gemüse und ein Pferd für die wichtigsten Transportaufgaben. Das Leben auf der 1100 Meter über Meer gelegenen Hochebene der Gemarkung „Ghetar” im Apuseni-Gebirge im Westen Rumäniens ist reich an Entbehrungen. Wer aus Westeuropa hierher kommt, wähnt sich auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Es gibt keine Traktoren, nur eine Handvoll Autos und bis auf die Motorsägen keine Maschinen. Es gibt keine Strassen, nur Feldwege, die von der Gemeinde mühselig unterhalten werden müssen. Die Arbeit auf den Feldern und im Wald wird von Hand erledigt. Das Klima in diesem ersten Gebirge hinter der ungarischen Puszta-Tiefebene ist rauh und reich an Niederschlägen. Dennoch mangelt es überall an Wasser, denn es gibt kaum Quellen. Das meiste Regenwasser versickert im karstigen Untergrund und taucht irgendwo im Tal wieder auf. Zu jedem Haus gehört deshalb eine Zisterne zum Sammeln des Regenwassers. Im Sommer ziehen ganze Familien nach der ersten Heuernte im Juli mit ihrer Habe auf die 400 bis 500 Meter höher gelegenen Almen, wo sie in einfachen Blockhütten leben, während das Vieh die umliegenden Wiesen intensiv beweidet. Im Tal verbleiben nur die Älteren. Bei gutem Wetterverlauf kann im September nochmals Heu eingebracht werden. Die Futterbasis ist auch dann noch schmal genug. So werden auch die Wälder beweidet, und im Winter wird das Heu mit Tannenreisig und Blättern gestreckt. Wölfe und Bären machen den Bauern regelmässig zu schaffen, und ein jeder weiss eine schauerliche Geschichte von nächtlichen Raubzügen auf Hühner, Schweine, Pferde und sogar Hunde zu erzählen.

Apusenigebirge

Ganz stehen geblieben ist die Zeit indes nicht. Seit 1997 fliesst in Ghetar Strom, und seit vorvergangenem Sommer führt eine nicht geteerte Strasse hinauf. Manchmal seien die Weiler in den langen Wintern monatelang von der Umwelt abgeschnitten gewesen, erzählt Bürgermeister Marin Virciu. Mangelernährung war eine gesundheitliche Folge dieser Isolation. Der Frühling wurde und wird sehnsüchtig erwartet, doch es kann manchmal Juli werden, bis sich die letzten harten Fröste endgültig verzogen haben. Der Ort Ghetar zählt noch rund 100 Einwohner. Er ist Teil der Gemeinde Garda de Sus, zu der nicht weniger als 17 Ortschaften gehören. Die Verwaltung von Garda de Sus muss mit einem Jahresbudget von rund 20’000 Euro Schulen, Sozialdienst und Strassenunterhalt betreiben. Steuergelder sind von den verarmten Einwohnern kaum einzutreiben, und das Geld, das aus der Hauptstadt Bukarest überwiesen wird, reicht nur zur Deckung der allernötigsten Aufwendungen.

Die wenigen Besucher aus dem Westen sind fasziniert von der Schönheit dieser Kulturlandschaft, einer Mischung aus hügeligem Wiesland, offenen Waldweiden und weitläufigen Wäldern mit gemischten Baumbeständen. Experten der Universität Freiburg im Breisgau haben eine extrem hohe Artenvielfalt festgestellt, die eng mit der menschlichen Lebens- und Wirtschaftsform verbunden ist. So lebt im Umkreis der Weiler eine ganz andere Pflanzengemeinschaft als in den anliegenden Wiesen, die nur ein- bis zweimal jährlich gemäht werden. Es ist eine Welt, die in den Alpen längst versunken ist, eine Insel selbst in Siebenbürgen, dessen Land- und Forstwirtschaft in den Berggebieten seit dem Sturz des kommunistischen Regimes 1989 einen abrupten, bislang kaum gebrochenen Niedergang erfahren hat. Es mangelt vor allem am Kapital zur Beschaffung von Maschinen. Das zwingt die Menschen zur Rückkehr in die Subsistenz-Landwirtschaft – oder zur Abwanderung. In Ghetar sind diese Probleme noch verschärft. Der einzige holzverarbeitende Betrieb im Tal, der einst mehrere hundert Familien ins Brot setzte, steht praktisch still. So sind die Familien mehr denn je auf die bescheidenen Erträge angewiesen, die die teils winzigen Landwirtschaftsbetriebe abwerfen. Sie reichen gerade aus zur Deckung der Grundversorgung mit Lebensmitteln. Das restliche Einkommen muss der Wald erbringen. Dort wird auf Teufel komm raus Holz geschlagen, und schon sind ganze Hänge der Säge zum Opfer gefallen. Die Stämme werden an Ort und Stelle zu Brettern verarbeitet und verkauft. Bis vor wenigen Jahren liessen sich von den Bauern gefertigten Holzbottiche noch in die Moldau verkaufen, wo sie bei der Weinlese zum Einsatz kamen. Doch der Siegeszug des Plastik hat das Holz verdrängt – und damit ein traditionelles Handwerk und eine wichtige Einkommensquelle.

Ghetar

Es wird enger und enger für die Einwohner des Hochtales, und wenn nicht rasch neue Einkommensmöglichkeiten geschaffen werden, sind nicht nur die Wälder in Gefahr, sondern eine ganze Talschaft wird in ihrer unmittelbaren Existenz bedroht. Der Fortschritt kommt, so oder so, und dessen negative Begleiterscheinungen sind schon jetzt unübersehbar: Müll sammelt sich nicht nur hinter den Häusern, sondern auch in Wald und Feld. Soll das reiche agrokulturelle Erbe bewahrt werden, muss sich der Fortschritt daraus entwickeln. Viel versprechend könnte das Sammeln von Heilkräutern sein, namentlich von Arnica montana (Bergwohlverleih), der Heilpflanze schlechthin, die vor allem in der Pharma- und Kosmetikindustrie begehrt ist. In Westeuropa ist die Pflanze selten geworden, weil deren Lebensraum praktisch verschwunden ist: offene Weideflächen in kalkarmen, aber nährstoffreichen Böden. Im Juni verwandeln sich die Wiesen zur Blütezeit der Pflanze in einen gelben Teppich. Der Blütenkopf ist besonders reich an Helenalin, einem entzündungshemmenden Wirkstoff. In Ghetar sammeln vor allem Frauen schon seit Jahrzehnten die Pflanzen, um sie an Zwischenhändler zu verkaufen. Das ist ein schlechtes Geschäft. Mehr als 20 Euro-Cents für ein Kilo frischer Blüten lassen sich nicht verdienen. Beim Trocknen verlieren die Pflanzen rund drei Viertel ihres Gewichts. Dann werden sie zu Kilopreisen von bis zu 60 Euro verkauft. Da liegt der Gedanke nahe, den Zwischenhandel auszuschalten und direkt mit den Grossabnehmern ins Geschäft zu kommen. Dies bezweckt ein vom WWF Donau-Karpathen-Programm lanciertes Projekt. Neben der Ausbildung der Sammlerinnen und Sammlern soll eine eigene Trocknungsanlage aufgebaut werden.

 

Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Menschen vom Sinn und Zweck des Vorhabens zu überzeugen. Nicht untypisch für eine Landwirtschaft, die weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtet ist, fehlt es am „unternehmerischen” Denken. Es geht primär darum, Rohstoffe zu verkaufen, und höchstens sekundär, sie zu veredeln und damit eine höhere Wertschöpfung zu erreichen. So ist bislang auch der Aufbau einer Genossenschaft, die um gemeinsame ökonomische Interessen kümmern könnte, am Eigensinn und überkommenen Vorstellungen der Bergler gescheitert. Diese galten schon zu Zeiten, als in dieser fast nur von Rumänen besiedelten Gebirgsregion noch die Ungarn herrschten, als besonders regimekritisch. Es mag an diesem Unabhängigkeitswillen gelegen haben, dass sie sich auch von den Kommunisten nicht vereinnahmen liessen und trotz aller Versuche, die Landwirtschaft zu kollektivieren, an ihrer Lebensform festhielten. Die Kehrseite der Medaille ist die extreme Rückständigkeit der Landwirtschaft, die manchen westlichen Besucher zu romantischen Projektionen auf die versunkene Welt der Urgrosseltern verleiten mag. Doch der harte Alltag der verbliebenen Bewohner belehrt sie rasch eines Besseren. Gerade diese Rückständigkeit könnte – unter ganz anderen Vorzeichen – das Kapital für eine durchaus vielversprechende Zukunft sein. Diese Zukunft hiesse Agro- und Ökotourismus, und sie liesse sich wie beim Sammeln der Arnica montana dauerhaft wohl nur auf einem Widerspruch aufbauen: Dem Aufrechterhalten der althergebrachten Lebensform beim gleichzeitigen Aufbau einer touristischen Infrastruktur. Davon ist bis auf ein einziges Gästehaus noch nichts vorhanden. Nicht einmal die Wasserversorgung wäre in der Hauptreisezeit im August gesichert. Mit Regentonnen allein lassen sich an hohen Wasserverbrauch gewöhnte Gäste kaum zufrieden stellen. Doch vielleicht ist das ja die eigentliche Trumpfkarte. Wer sich einlässt auf diese Zeitreise, erhält in Ghetar ein realistisches Bild vom Leben auf dem Lande im 19. Jahrhundert, bevor Traktoren und Kunstdünger ihren Siegeszug antraten – die damalige Lebensweise inklusive.